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Aus Delhi, für alle Gemeinden, 11.05.2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

in der gerade zurückliegenden Woche wurde der Bücherverbrennungen am 10.05.1933 mit seiner Zerstörung geistigen Lebens und seiner bewussten Einschüchterung und Zerstörung erinnert. So wurde schon früh deutlich, wohin die damals neuen Machthaber und ihre eilfertigen „Mitläufer“ strebten. In der Beschäftigung mit den damaligen Ereignissen wurde ich aufmerksam auf www.1938projekt.org. An jedem Tag wird vom Leo-Baeck-Institut in dieser Ausstellung ein Kalenderblatt online gestellt, das etwas Typisches des jüdischen Lebens aus dem Jahr 1938 in Deutschland oder Österreich berichtet. Denn die Repressalien begannen ja nicht erst mit der Reichsprogromnacht, sondern diese war ein erster Höhepunkt oder vielleicht besser gesagt Tiefpunkt von Vorurteilen und Repressionen, die schon lange im Schwange waren und zu denen die Bücherverbrennungen auch einer der ersten Schritte waren.

Und so erfährt der regelmäßige Leser von Unternehmen, die sich auf die Haushaltsauflösung jüdischer Exilanten spezialisiert hatten und die vom Möbeltransport ins Exil bis zum Hausverkauf vor Ort ihre Dienste anboten. Weiter lässt sich von hilfsbereiten Menschen lesen, die versuchten bei der Asylsuche zu helfen. So setzt sich ein kanadischer Bischof für eine jüdische Familie ein und versichert, dass diese dem kanadischen Staat nicht zur Last fallen werde, weil seine Gemeinde sich für sie verantwortlich fühle. Und auch Prof. Karl Bonhoeffer, Psychiater, Neurologe und der Vater Dietrich Bonhoeffers, setzte sich für Kolleginnen und Kollegen ein, die ins Exil zu fliehen versuchten. Und natürlich sind die vorsichtigen Worte der verängstigten Bedrohten selbst zu lesen, die sich plötzlich in der unfassbaren Situation wiederfanden, dass weder ihr bürgerliches Verhalten noch ihre Lebensleistungen mehr zählen sollten, sondern sie auf Blutslinien reduziert wurden. So schreibt ein Hamburger Jurist seiner dreijährigen Tochter am 3. Mai 1938 ins Tagebuch: „Die Zeiten sind sehr ernst geworden. Wir sind bedrückt und verzagt, und deshalb ist auch wenig Muße und Lust vorhanden, so ausführlich wie bisher zu schreiben und zu photographieren.“

Als ich einen Gesprächspartner auf die online-Ausstellung hinwies, entgegnete der mir: „Das kann man sich alles gar nicht wirklich vorstellen, oder?“ Und trotzdem geschehen Dinge wie diese weiter. Heute weniger offen, nicht im Lehrplan, aber auch alles andere als subtil. Deshalb ist es wieder einmal Zeit, vor meiner eigenen Tür zu kehren und aufmerksam zu hören und zu sehen, was im eigenen Umfeld geschieht. Denn es gilt zu widersprechen, wo ein Mensch aus welchen Gründen auch immer per se abgestempelt, wo ihm – ob in Familie, Schule, Büro, Gesellschaft oder Kirchengemeinde – kein Respekt entgegengebracht wird. Wo seine Meinung und Ideen (ohne Begründung) abgetan und nicht gehört, wo er nicht angesehen und ihm keine Hand gegeben wird.

Zwei Bibelworte sind es, die ich mir in diesem Zusammenhang immer wieder vor Augen halte. Zum einen das alttestamentliche Wort: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollt ihn lieben wie dich selbst“ (2Mose 19,33-34) Und das andere ist ein Wort Jesu, der spricht: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 7,12)

Bitte nehmen Sie in Ihre und Eure Gebete auf – Fürbitten

+ die Deutschsprachige Protestantische Kirchengemeinde an all unseren Standorten mit ihren Mitgliedern, Freunden und Interessierten

+ die Menschen, die sich weltweit reformatorischen, orthodoxen und katholischen Kirchen hingezogen fühlen und ihren Glauben im Alltag zu leben versuchen

+ die Pfarrerinnen und Pfarrer, die im Auftrag der EKD in Deutschsprachigen Protestantischen Kirchengemeinden in Asien und Australien Dienst tun und sich gerade zu der jährlichen Regionalkonferenz treffen

+ die Menschen, die um einen Menschen trauern, und die, die an ihr Lebensende kommen

+ die muslimische Minderheit der Rohingyas in Myanmar und Bangladesch

+ die Menschen in Mali, Syrien, im Irak und Jemen, in der Ukraine, im Hungergebiet am Horn von Afrika (Äthiopien, Eritrea, Somalia, Sudan und Uganda) und die Flüchtlinge in Europa und Afrika, im Nahen Osten und in der südasiatischen See

+ die Menschen in Bangladesch, Bhutan und Nepal

(Zusammen mit dem ökumenischen Fürbittkalender des WCC)

Soll auch Ihr/ Euer Gebetsanliegen im Gottesdienst berücksichtigt werden? Teilen Sie es Pfarrer Lesinski mit (Kontakt s.o.).

 

Mit herzlichem Gruß

Ihr und Euer

Markus Lesinski, Pfarrer

… auch das noch!

„(Auch wenn) der demokratische Verfassungsstaat fortgeschrittener kapitalistischer Gesellschaften …andere Analyseinstrumente (braucht), … wird das Ringen zwischen dem egalitären Versprechen der Demokratien und ihrer Unfähigkeit zu einem koordinierten Vorgehen gegen die vom Finanzkapital gesteuerte Globalisierung, die gewaltige Ungleichheiten verursacht, unser Jahrhundert prägen. (Karl) Marx bleibt daher unverzichtbar.“ (Seyla Benhabib, *1951, Professorin für Politische Philosophie an der Yale University)