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Aus Delhi, für alle Gemeinden, 11.11.2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

80 Jahre, ein ganzes Menschenleben ist es her, dass am 9. November 1938 die Nacht in Flammen stand. Synagogen, Betstuben, Versammlungsräume, Geschäfte, Wohnungen brannten. Jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Menschen, die ehemals gute Nachbarn waren, wendeten sich gegeneinander. Ich glaube, das ist es, was mir als Nachgeborener am meisten nahe geht: dass es Menschen waren, die einander seit Kindertagen kannten. Von denen die einen zu Verfolgern und die anderen zu Verfolgten wurden. Dass gegenseitige Achtung von Gerüchten, dass ein friedliches Nebeneinander von Propaganda, dass Mitmenschlichkeit von Vorurteilen verweht werden konnten. Einfach so – wie es rückblickend scheint.

Natürlich weiß ich um die Wurzeln des Antisemitismus. Natürlich weiß ich von der langen, alten, hässlichen Geschichte, von den vielen Verfolgungen über die Jahrhunderte hinweg. Und auch von den üblen Worten, die der vielgefeierte Reformator Martin Luther über Juden geschrieben hat. Aber, wenn ich mich heute an das erinnere, was vor 80 Jahren geschah, dann gleicht dieses Erinnern einem Symbol. Tatsächlich erinnere ich mich an mehr als an diese eine Nacht. Denn ich erinnere mich, wie schnell Menschen scheitern und wie tief sie in diesem Scheitern sinken können.

Vielleicht brauche ich heute diese Erinnerung mehr denn je, wenn einzelne mich nach einer Bundestagswahl nach Gau-Land zurückholen wollen. Und es noch immer alle zweieinhalb Tage mindestens einen Anschlag auf Asylbewerberheime gibt. Nicht mehr 211 Attacken wie in den ersten neun Monaten des Jahres 2017, sondern „nur noch“ 110  in den ersten neun Monaten dieses Jahres. Dazu der „Amoklauf“ in der Synagoge von Pittsburgh. Es darf in freien Ländern wie denen Westeuropas oder Nordamerikas doch nicht sein, dass Menschen aus persönlichem Frust, aus politischer Überzeugung oder warum auch immer (systematisch) Gewalt gegen andere anwenden – egal ob mit Waffen oder „nur“ mit Worten, indem ich jemanden wegen seiner Überzeugung oder „weil er mir und meiner Karriere im Weg steht“ oder meines Erachtens zu stehen scheint einfach verunglimpfe, gering schätze oder gar wegmobbe.

Ich erinnere mich an eine Nacht vor 80 Jahren. Und beginne zu begreifen, dass das Unvorstellbare noch immer in Stolperweite ist. Deshalb ist dieses Erinnern auch wichtig. Damit der Tod dieser unfassbar vielen Menschen, ihre Angst und ihre Verzweiflung nicht ohne Folgen bleiben. Ich kann den Verfolgungen mit meiner Erinnerung keinen Sinn einstiften. Aber ich kann dafür sorgen, dass ihr Leid Konsequenzen hat: Achtsamkeit für die eigene Gesellschaft und meine Mitmenschen  – und kein vorschnelles Ziehen verbaler Colts im zivilisierten Westen. Das gilt auch und gerade in einer Expatgemeinschaft wie in Delhi und Gurgaon, wie in Indien, wo Menschen aus Westeuropa heute überwiegend mit „geliehener Autorität“, d.h. auf Zeit leben. Wo Menschen aus Mitteleuropa vor 80 Jahren neben den Grenzen auch die Möglichkeiten einer Gesellschaft kennenlernen durften, die sie dieses Land als Heimat hat erkennen lassen und nicht „nur“ als Zufluchtsort.

In diesen Tagen werden reale und verbale Kränze an Gedenktafeln ehemaliger Synagogen und in Vortragsräumen niedergelegt. Und Kantorinnen und Kantoren der jüdischen Gemeinden werden Klage- und Totengesänge anstimmen. Einer dieser Gesänge ist das Kaddisch, mit seinen abschließenden Worten: „Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteilwerden; sprechet Amen. Der, der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, stifte Frieden unter uns und ganz Israel. Sprechet Amen.“

Bitte nehmen Sie in Ihre und Eure Gebete auf – Fürbitten

+ die Deutschsprachige Protestantische Kirchengemeinde an all unseren Standorten mit ihren Mitgliedern, Freunden und Interessierten

+ die Menschen, die sich weltweit reformatorischen, orthodoxen und katholischen Kirchen hingezogen fühlen und ihren Glauben im Alltag zu leben versuchen

die Flutopfer im Süden Indiens

+ die Erdbebenopfer auf Lombok

+ die muslimische Minderheit der Rohingyas in Myanmar und Bangladesch

+ die Menschen in Mali, Syrien, im Irak und Jemen, in der Ukraine, im Hungergebiet am Horn von Afrika (Äthiopien, Eritrea, Somalia, Sudan und Uganda), in Nepal, Bangladesch und die Flüchtlinge in Europa und Afrika, im Nahen Osten und in der südasiatischen See

+ die Menschen in Ozeanien: Amerikanisch-Samoa, Cookinseln, Fidschi, Französisch-Polynesien (Maohi Nui), Kiribati, Marshallinseln, Micronesia, Nauru, Neukaledonien, Niue, Palau, Papua-Neuguinea, Samoa, Salomonen, Tonga, Tuvalu, Vanuatu

(Zusammen mit dem ökumenischen Fürbittkalender des WCC)

Soll auch Ihr/ Euer Gebetsanliegen im Gottesdienst berücksichtigt werden? Teilen Sie es Pfarrer Lesinski mit (Kontakt s.o.).

 

Mit herzlichem Gruß

Ihr und Euer

Markus Lesinski, Pfarrer

… auch das noch!

„Echten Respekt erlangen wir, wenn wir den Kontakt miteinander suchen und die gegenseitigen Wertvorstellungen verstehen und akzeptieren. So können wir Bewunderung und Wertschätzung für einander entwickeln.“ (Tenzin Gyatso, * 1935, 14. Dalai Lama)